Niue ist kein Paradies
Deutschland hat diplomatische Beziehungen zu Niue aufgenommen. Das Medienecho hierzulande lässt zu wünschen übrig.
Typisch Niue: Blick vom Felsen # Foto: Ludwig Wälder
Pazifik Netzwerk Vorstand Oliver Hasenkamp hat die aktuellen Niue-Berichte in deutschen Medien als wenig fachlich fundiert und klischeehaft kritisiert. Sein Text ist zuerst auf LinkedIn erschienen! Zitat: Das Bundeskabinett hat gestern die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und dem pazifischen Inselstaat Niue beschlossen. Das ist eine positive Nachricht und sicherlich ein kleiner Beitrag dazu, die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und dem Pazifik weiter auszubauen.
Trotz allem bin ich überrascht über die große Anzahl an Meldungen zur Anerkennung Niues in deutschen Medien - und einigermaßen erschrocken über die Qualität vieler dieser Meldungen. Die Anerkennung Niues durch Deutschland ist aus meiner Sicht ein formaler, folgerichtiger und vielleicht auch überfälliger Schritt, aber weder für Deutschland noch für Ozeanien eine Top-Meldung. Vor allem hat sie relativ wenig zu tun mit dem Machtkampf zwischen China und den USA, in deren Kontext viele Nachrichtenbeiträge sie rücken.
Auch der beigefügte Beitrag der Tagesschau ist kein positiver Ausreißer unter den Meldungen: Niue ist natürlich ebenso wie alle anderen Pazifik-Inseln kein Südsee-Paradies, sondern ein Ort mit realen Problemen, allen voran dem Klimawandel (und weiteren spezifischen Herausforderungen von Inselstaaten). Die Formulierung trieft nicht nur von unangemessenem Kitsch, sondern suggeriert in Kombination mit dem unpassenden Bild auch noch, dass Niue eine besonders tolle Tourismus-Destination sei. Nur, wie man zwischen den Zeilen des Beitrags auch lesen kann: Niue hat keinen nennenswerten Tourismus. Warum man in dem Beitrag trotzdem ausgerechnet die Tourismusbehörde zitiert (anstatt über etwas zu schreiben, was das Leben der Menschen vor Ort wirklich bestimmt), ist nicht klar. Aber es passt halt so schön ins Klischee.
Südsee-Paradies Niue: Deutschland erkennt Insel als Staat an www.tagesschau.de/ausland/ozeanien/anerkennung-suedsee-insel-niue-100.html
Überhaupt: Das Bild. Es hat nicht nur absolut nichts mit Diplomatie zwischen Deutschland und Niue zu tun (okay, da gibt es auch nicht so viele Bilder), sondern vermutlich nicht einmal mit Niue. Denn: Niue ist eine gehobene Vulkaninsel ohne nennenswerte Strände (ein Grund für den wenig ausgeprägten Tourismus). Auch wenn ich noch nicht auf Niue war: nach allem was ich weiß, dürfte es dort kaum solche Orte wie auf dem Bild geben.
Aber nochmal weg von kitschigen (und hochproblematischen) Darstellungen und zurück zur internationalen Politik: Niue ist in der Tat kein Vollmitglied der UN, sondern wird dort von Neuseeland vertreten. Sehr wohl ist Niue aber UNFCCC-Vertragspartei und haben die UN die außenpolitische Unabhängigkeit Niues bereits 1992 anerkannt.
Mit den Cook-Inseln, die denselben Status haben, unterhält Deutschland übrigens schon seit 2001 Beziehungen. Also (folge)richtig, nun auch mit dem (kleineren) Niue Beziehungen aufzunehmen. Aber eben nicht ganz so bahnbrechend, wie zum Teil dargestellt. Da hätten eher die "Ocean of Peace"-Erklärung oder die Reform des Partner-Systems des Pacific Islands Forums ein paar mehr deutsch-sprachige Meldungen verdient gehabt! Zitatende
und Zustimmung von allen, die Niue kennen. Die Insel ist kein Paradies, hat kaum Strand, kaum Tourismus und kaum Menschen, die dort noch leben. Doch selbst das Bild, das die Tagesschau abgebildet hat, kann von dort nicht stammen. Wenigstens hat die Stimme des Auswärtigen Amts in der Pressekonferenz am 07.01.2026, wo die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zum Staat Niue verkündet wurde, auch das Pacific Islands Forum erwähnt, wo Niue Mitglied ist und betont, dass es darum gehe, die Zusammenarbeit mit diesem Forum zu festigen und zu vertiefen. Damit wird Deutschland förmlich bilaterale Beziehungen zu allen jetzt 18 pazifischen Inselstaaten im Pacific Islands Forum unterhalten. Die Tagesschau berichtet, dass Deutschland keine Botschaft in Niue plane und meint in ihrem Audiobeitrag noch eifrig darauf hinweisen zu müssen, dass es keine deutsche Militärpräsenz in Niue geben werde. Das wäre denn auch ein Treppenwitz.
Denn die Insel ist gewissermaßen schon einzigartig. Ein Winzling, weit ab gelegen, isoliert und wenig interessant für äußere Mächte, eben bloß ein Fels aus Klippen und Riffs. Die geringe Bevölkerungszahl ist weiterhin rückläufig, nicht allein wegen des Klimawandels, auch wegen des Mangels an Möglichkeiten auf dem Eiland. Viele von den etwa 1.600 Einwohnern wollen noch wegziehen. Schon heute leben mehr als zwanzigmal so viele von ihnen in Neuseeland. Niue ist alles andere als touristisch attraktiv, auch wenn die offizielle Tourismus-Website und deutsche Medien anderes suggerieren. Auch Deutschland wird die Insel in Ruhe lassen. Einmal jährlich vielleicht wird ein Diplomat der Deutschen Botschaft in Wellington dort vorbeischauen. Höchstens. So wird es sein.
Zurück zu den Bildern von Strand und Südsee, die diesmal wirklich nicht stimmen. Netzwerk-Mitglied Ludwig Wälder ist kürzlich dort gewesen und hat viele Fotos mitgebracht. Sie zeigen Niue als das was es ist: Eine felsige Insel im Ozean. The Rock wie es dort heißt. Wenig zugänglich. Doch auch ganz schön. Eben anders.


