Was hat der Konflikt um Grönland mit den mikronesischen Staaten zu tun?

17.02.2026: Eine Analyse von Oliver Hasenkamp, Vorstandsmitglied Pazifik-Netzwerk, Berlin

Was hat Grönland mit den Pazifikstaaten Palau, den Föderierten Staaten von Mikronesien und den Marshall-Inseln zu tun?
Gar nicht mal so wenig, wie man auf den ersten Blick vermuten mag. Einerseits ist da natürlich der Klimawandel: Das Abschmelzen des grönländischen Eisschilds ist ein wesentlicher Treiber des Meeresspiegelanstiegs, der die größte Bedrohung für viele pazifische Inselstaaten darstellt. Anfang 2026, als die von US-Präsident Donald Trump zum Ausdruck gebrachten Besitzansprüche über Grönland die politischen und öffentlichen Diskussionen weltweit (mit)bestimmten, rückte aber auch eine andere mögliche „Gemeinsamkeit“ wieder verstärkt in den Blick.

Denn schon seit Trump während seiner ersten Amtszeit erstmalig Interesse an Grönland geäußert hat, glauben einige konservative und rechte amerikanische Think Tanks, dass die Freien Assoziierungsabkommen (Compacts of Free Association, COFAs), welche Palau, die Föderierten Staaten von Mikronesien und die Marshall-Inseln mit den USA unterhalten, ein Vorbild für amerikanischen Einfluss über Grönland sein könnten. Diese Abkommen gestehen den USA umfangreiche Rechte etwa zur militärischen Nutzung der Inseln und ihrer Gewässer zu und waren einst die Bedingung für die Entlassung der sogenannten US-Treuhandgebiete im Pazifik in die Unabhängigkeit. Andererseits regeln sie finanzielle Unterstützung und Zugang von Menschen aus Palau, den Föderierten Staaten und den Marshall-Inseln in die USA.

Laut einigen amerikanischen Denkfabriken könnten sich die USA mit Dänemark und Grönland auf eine baldige formelle Unabhängigkeit Grönlands verständigen – und den dann mehr oder weniger unabhängigen Staat mit einem ähnlichen Abkommen wie den pazifischen COFAs eng an die USA binden. Ihrer Argumentation folgend könnte die formelle Unabhängigkeit – ähnlich wie bei den pazifischen COFA-Staaten – durch eine Mitgliedschaft Grönlands in den Vereinten Nationen (oder Trumps neuem bizarren „Friedensrat“) „verifiziert” werden. Die faktische Unabhängigkeit Grönlands wäre aus ihrer Sicht jedoch durch die finanzielle und sicherheitspolitische Bindung an die USA stark eingeschränkt.

Es ist ziemlich beunruhigend zu sehen, dass solche Überlegungen im Vergleich zu Donald Trumps zeitweiser Rhetorik, Grönland sogar mit militärischer Gewalt annektieren und vollständig in die USA integrieren zu wollen, zuletzt sogar einen noch vergleichsweise moderaten Ansatz darstellte. Mittlerweile haben sich die geopolitischen Spannungen um Grönland wieder etwas verringert. Auch wenn bisher wenig über die Inhalte der Einigung, die NATO-Generalsekretär Mark Rutte vermittelt haben soll, bekannt ist, so deutet einiges darauf hin, dass sie sich eher an einem Insel-Beispiel aus der Karibik orientiert als an den COFA-Staaten: nämlich am kubanischen „Guantanamo-Modell“, was auf Grönland übertragen bedeuten würde, dass die dort bereits befindlichen US-Stützpunkte wie amerikanische Exklave behandelt werden könnten.

Trotzdem zeigen auch die COFA-Überlegungen einmal mehr, wie unbedarft in der Geopolitik über die Köpfe der betroffenen Menschen hinweg entschieden wird, aber auch wie wenig Wissen über den Pazifik im Trump-Umfeld existiert. Denn unabhängig davon, wie realistisch eine Übertragung des COFA-Modells auf Grönland wäre, lassen die Denkspiele der amerikanischen Think Tanks die große Komplexität der Beziehungen zwischen den pazifischen Staaten und den USA weitgehend außer Acht lässt. Trotz des großen Einflusses der USA sind Palau, die Föderierten Staaten von Mikronesien und die Marshall-Inseln nämlich weit mehr als bloße US-amerikanische Vasallen-Staaten. Auch wenn sie finanziell von den USA abhängig sind, so verfolgen sie etwa in Bezug auf Atomwaffen oder Klimapolitik Interessen, die sich deutlich von denen der USA unterscheiden. Ohne die Marshall-Inseln etwa würde das Pariser Klimaabkommen in seiner jetzigen Form nicht geben. Und obwohl sie aufgrund der COFA-Bestimmungen nicht Teil der South Pacific Nuclear Free Zone sein dürfen, nutzen die Marshall-Inseln regelmäßig internationales und amerikanisches Recht, um die USA wegen der Folgen von Nukleartests auf ihrem Gebiet zu verklagen. Es ist ein schwieriges und ambivalentes Verhältnis – die drei pazifischen Staaten einfach nur als Anhängsel oder Befehlsempfänger der USA zu betrachten – so wie das Trump-Lager es sich auch für Grönland wünscht –, wäre aber völlig unzutreffend.