Bravo-Test auf Rongelap

27.02.2004: Eine Augenzeugin berichtet

Lijon Eknilang, Rongelap

Am Morgen des 1. März 1954 detonierte auf dem Bikini-Atoll die größte Bombe, die die USA jemals gezündet haben. Die Wasserstoffbombe mit dem Code-Namen ‚Bravo’ hatte eine zweimal so hohe Sprengkraft wie vorausberechnet, der Test war trotz ungünstiger Witterungsbedingungen nicht verschoben worden und geriet damit zur schlimmsten Strahlenkatastrophe der US-Geschichte. Der Explosionskrater hatte einen Durchmesser von 2 km und war 76 m tief. Millionen Tonnen von Material wurden in die Luft gerissen und regneten Stunden später als radioaktiver "Schnee" auf die Bewohner der zu den Marshall Islands gehörenden Inseln Rongelap, Ailinginae, Rongerik und Bikar, auf eine amerikanische Wetterstation und auf die Besatzung eines japanischen Fischkutters nieder.

"Wir Kinder spielten in dem Pulver, das machte Spaß."

Lijon Eknilang ist an diesem 1. März gerade acht Jahre alt geworden, als sie und die anderen Bewohner der Insel Rongelap durch ein sehr helles Licht geweckt wurden, dem später ein ohrenbetäubender Knall folgte. Die verängstigten Menschen versammelten sich am Strand, die Dorfältesten mutmaßten, der Weltkrieg habe wieder angefangen und ordneten an, dass Nahrungsmittelvorräte anzulegen seien. Während Fische, Krebse und Vögel gefangen wurden, um sie auf dem Boden in der Sonne zu trocknen, spielten die Kinder in dem weißen Pulver, das vom Himmel fiel. Es sah aus wie Seifenpulver, erinnert sich Lijon Eknilang:

"Am späten Nachmittag wurde ich sehr krank, ich fühlte mich, als ob ich spucken müsste, und ich hatte starke Kopfschmerzen. Den anderen Leuten auf den Inseln erging es genauso. Am Abend fing unsere Haut an zu brennen, als ob wir den ganzen Tag lang an der prallen Sonne gewesen wären. Am nächsten Tag wurde alles noch schlimmer. Große Brandwunden begannen sich auf unseren Beinen, Armen und Füßen auszubreiten und sie taten sehr weh. Viele von uns verloren ihre Haare."

Das Wasser in den Wassertonnen hatte sich verfärbt, aber die durstigen Menschen tranken es trotzdem. Zweieinhalb Tage später kam ein amerikanisches Schiff, um die Inselbewohner, die alles zurücklassen mussten, auf den US-Militärstützpunkt auf dem Kwajalein-Atoll zu bringen. Drei Jahre später befand die US-Atomenergiekommission, dass Rongelap wieder sicher sei.

"Bei unserer Rückkehr im Juni 1957 hatte sich vieles auf unseren Inseln verändert. Einige unserer Nahrungsmittel, wie zum Beispiel die Pfeilwurzel, waren völlig verschwunden. Andere (…) trugen keine Früchte mehr. Was wir aßen, verursachte Bläschen auf unseren Lippen und im Mund und wir litten unter starken Magenschmerzen und Übelkeit."

"In den frühen 60er Jahren fingen all die Krankheiten an, die wir jetzt durchmachen. Viele Menschen leiden unter Schilddrüsentumoren, Totgeburten, Augenkrankheiten, Leber- und Magenkrebs und Leukämie. (…) Auch meine eigene Gesundheit hat aufgrund der radioaktiven Vergiftung gelitten. Ich kann keine Kinder bekommen. Ich hatte sieben Fehlgeburten. (…) Die am häufigsten vorkommenden Missgeburten auf Rongelap und den anderen Atollen der Marshall-Inseln waren die ‚Quallenbabies’. Diese Kinder werden ohne Knochen und mit durchsichtiger Haut geboren. Wir können ihre Gehirne betrachten und ihre Herzen schlagen sehen. Aber sie haben keine Beine, keine Arme, keinen Kopf, nichts. Einige dieser Geschöpfe haben wir acht oder neun Monate lang ausgetragen. Sie leben normalerweise einen oder zwei Tage lang."

Angesichts der Leiden der nachfolgenden Generation wollten die Bewohner von Rongelap ihre verseuchte Insel verlassen. Erst 1985 jedoch half ihnen das Greenpeace-Schiff ‚Rainbow Warrior’ beim Umsiedeln auf das wenig fruchtbare, aber nicht verstrahlte Eiland Mejato. Heute sagt Lijon Eknilang: "Ich weiß aus erster Hand, welche verheerenden Auswirkungen auch über längere Zeit und größere Entfernungen Atomwaffen haben und was dies, über Generationen hinweg, für unschuldige Menschen bedeutet", und sie bittet deshalb darum, alles zu tun, um zu verhindern, dass sich die Leiden, die die Bewohner der Marshall-Inseln durchmachten, irgendwo auf der Welt wiederholen.

Zitiert aus: dé Ishtar, Zohl, Pazifik-Netzwerk u.a. (Hrsg) (2000): Lernen aus dem Leid. Frauen der Pazifik-Inseln schildern die Schicksale ihrer Völker. Neuendettelsau